.hist 2011 – Geschichte im digitalen Wandel

Welche Auswirkung hat die mediale Revolution und die rasante Erweiterung der digitalen Möglichkeiten auf die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und die Methoden des Fachs im Besonderen? – nur ungern setzt sich ein Historiker mit dieser Frage auseinander, stellt sie doch die klassische Forschungsarbeit und langjährige Traditionen des Faches gehörig auf den Kopf.

Am 14. und 15.09.2011 veranstaltete H-Soz-u-Kult und Clio-online zusammen mit L.I.S.A., dem Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, die dritte .hist- Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin, die sich mit genau dieser Frage auseinandersetzte. Unter der Überschrift „.hist2011 – Geschichte im digitalen Wandel“ fanden verschiedene Vorträge, Podiumsdiskussionen und einige Werkstattberichte zum Thema Digitalisierung (in) der Geschichtswissenschaft statt, die sich kritisch mit neuartigen netzbasierten Darstellungsformen und Arbeitstechniken auseinandersetzten. Das Wörtchen „kritisch“ wurde dabei auf seine umgangssprachliche Bedeutung zurückgeführt, betrachtet der Historiker gemeinhin Wissenstransfer und -vermittlung im Internet, trotz der zunehmenden Professionalisierung zahlreicher Portale, immer noch mit Argwohn. Im Zeitalter von Google, Wikipedia & Co versteckt man sich sprichwörtlich weiterhin hinter den Büchern und durchforstet lieber Archive als digitale Datenbanken.

Währenddessen schritt in den vergangenen Jahren das Angebot (populär-)wissenschaftlicher Beiträge im Web voran, worüber sich so manch renommierter Wissenschaftler nun lauthals beklagt. Man muss reagieren, darüber ist man sich mittlerweile einig – nur wie? Mit welchen Geldern? Und wer hat die nötigen Kompetenzen und vor allem die Zeit dafür?

Auch wenn viele Historiker der digitalen Welt nach wie vor skeptisch gegenüber stehen, fiel bei der Betrachtung der Themen in den Sektionen und Werkstattberichten auf, dass die Geschichtswissenschaft Probleme und Möglichkeiten des digitalen Wandels durchaus erkannt hat und sich der notwendigen Anpassung an zeitgemäße Entwicklungen stellen will. Dieser Blogbeitrag liefert einen kurzen Überblick zu Hoch- und Tiefpunkten im Tagungsverlauf.

In der Keynote erläuterte der Medienphilosoph1) Stefan Münker auf erhellende Weise, womit wir es im digitalen Zeitalter jenseits aller Technik tatsächlich zu tun haben: Mit Medien, die durch ihren Gebrauch erst entstehen. Die neuen Medien sind also weder der Tablet-PC, noch die gigantische Infrastruktur des World Wide Web – vielmehr sind unsere Umgangsformen mit der digitalen Technik konstitutiv für die Entstehung und Entwicklung neuer Informationsvermittlung.

Den Einstieg in die Werkstattberichte zum Semantic Web – wo einige wohlüberlegte Vernetzungsprojekte vorgestellt wurden – bot Gerald Neumann (Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften) mit seinem Vortrag „Das Personendaten-Repositorium – vernetzte Aspekte historischer Personen“. Eine Projektgruppe der BBAW hat verschiedenen Repositoriensoftwares untersucht und sich für die Verwendung von Fedora Commons entschieden.2)  Ziel des Projektes ist es heterogene Personendaten aus verschiedenen Quellenbeständen zusammenzuführen, ohne die Heterogenität aufzugeben. Personen werden als die Menge der Aussagen (Aspekte) aufgefasst, die über sie gemacht wurde, ohne dass eine (meist wertende) Auswahl getroffen werden muss.

Quellenkritik im digitalen Zeitalter ist ein Thema von zweifellos hoher Relevanz. Neben der Frage nach den Quellenformaten und der Gattung von Netzquellen, machen vor allem Schwierigkeiten bei Provenienz- und Echtheitsbestimmung dem Historiker von heute zu schaffen. Zu Recht wird hier ein gewisser Kontrollverlust über den Quellenbestand befürchtet. Sieht man allerdings genauer hin, so lässt sich sagen, dass durch den digitalen Wandel im Grunde nur die Quantität von zeithistorischen Quellen ins Unermessliche und Unbearbeitbare wachsen könnte. Hier ließe sich allerdings dagegen halten, dass die Zeitgeschichte – unabhängig vom digitalen Wandel – ein nur schwer zu fassenden Spektrum an Quellen zur Verfügung hat und die Quellen der anderen Epochen sich wegen desselben kaum vermehren werden. Wie dem auch sei: Der auf der Tagung vorgeschlagene Rückzug auf die klassische Quellenkritik (nach Droysen) erweist uns zwar weiterhin Sicherheit, kann aber keine langfristige Lösung sein, da diese Verfahrensweise nicht allen Anforderungen an digitale Quellen gerecht wird.

Die Abschlussdiskussion des ersten Tages unter der Leitfrage „Welche Infrastrukturen brauchen die Geschichtswissenschaften?“ wies indes weniger Bezug zur Praxis auf. So wurde Martin Rethmeier vom Oldenbourg-Verlag nicht Müde zu betonen, welchen wichtigen Beitrag die Verlage beim Aufbau digitaler Infrastrukturen leisten könnten oder seiner Ansicht nach schon geleistet hätten. Das Know-How in diesem Bereich sei auch in den Verlagen vorhanden, würde aber von den digitalen Publikationsprojekten des Faches kaum in Anspruch genommen – aber wieso den bloß? Mit dem Statement: „Digitale Infrastrukturen kann es nur mit Verlagen geben“, schloss er seinen Ausführungen. Wie wenig das stimmt, zeigen der große Erfolg von nicht-verlagsgebundenen Onlinepublikationsformen (Open-Access Journale, Rezensionsportale, thematische Plattformen wie historicum.net, selbst Wikipedia und Google). Gegen ein elaboriertes Know-How im digitalen Umfeld spricht auch die Tatsache, dass Verlage so ziemlich die letzten Einrichtungen bei der Entwicklung von eigenen Digitalisierungs- und E-Publishing-Projekten waren.

Innerhalb der Sektion „Medialität und Narrativität“ wäre es dem Verständnis förderlich gewesen, wenn man im Vorfeld der Vorträge und Diskussion die Dimensionen dieser Begriffe abgesteckt hätte. Das grundlegende Problem der Kompetenzaneignung im digitalen Umfeld – Stichwort „Welche Medienkompetenz brauchen Historiker?“, so das offizielle, aber geschickt umfahrene Thema der Podiumsdiskussion zum Tagungsabschluss – zeigte sich unter anderem an der Ratlosigkeit mit der einige Tagungsteilnehmer den „Dialog“ von Markus Krajewski mit seiner intelligenten, hypertextuellen Software synapsen beobachteten.

Wie Markus Cyron in seinem Beitrag auf dem Wikimedia-Blog bereits betonte, bleibt die Frage offen mit welchem Recht HistorikerInnen, wie die Referentin Maren Lorenz, die Deutungshoheit innerhalb der Geschichtsschreibung beanspruchen? Elmar Mittler stellte in seinem Diskussionsbeitrag eine jemals vorhandene gewesene Deutungshoheit der Geschichtswissenschaft grundsätzlich in Frage. Auch die Neuartigkeit der Bezugnahme auf nichtakademische Angebote im Internet wurde diskutiert: Nutzen Laien heute populär- bis pseudowissenschaftliche Angebote, wurde vor 25 Jahren eben der Stammtisch bemüht. Lautete das Thema der Sektion zwar neutral „Grenzverschiebung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit“, gewann man eher den Eindruck, als hoffe die Geschichtswissenschaft, diese Grenzen möglichst starr zu halten. Dass die Beteilung von Laien an historische orientierten Onlineangeboten, wie beispielsweise einestages.de – übrigens auch auf der Tagung vertreten durch Michael Hengstenberg – , durchaus gewünscht ist, wurde kaum gewürdigt.

Die Geschichtswissenschaft ist im digitalen Zeitalter angekommen.
Aber es fällt vielen Einzelwissenschaftlern immer noch schwer, sich den Herausforderungen mit offenem Visier zu stellen und wirkliche Neuerungen in Fachmethodik, allgemeine Arbeitsweisen und den Wissenschaftsbetrieb eingehen zu lassen. Das ist natürlich irgendwo verständlich, zumal die in Zukunft nötigen Kompetenzen wachsen werden, und eine Überforderung des Faches nicht auszuschließen ist. In der abschließenden Podiumsdiskussion drehte sich alles um Medienkompetenz in der Geschichtswissenschaft, zumindest laut Tagungsprogramm. Doch außer der halbherzig hervorgebrachten Forderung nach einer digitalen Hilfswissenschaft, wie auch schon innerhalb der Diskussion von Sektion 2, wurde wenig über konkrete Kompetenzen gesprochen. Dies war allerdings auch nicht zu erwarten, da niemand gerne über notwendigen Kompetenzen spricht, die ihm selbst fehlen.

1) Medienphilosophie?
2) Das Paper der Software-Evaluation findet sich auf dem Edocserver der BBAW unter urn:nbn:de:kobv:b4-opus-15111.
Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Tagungen, Workshops und Co.

2 Antworten zu “.hist 2011 – Geschichte im digitalen Wandel

  1. Marcus Cyron

    Anders als Maren Lorenz sehe ich die Zukunft zwar nicht rosig aber positiv. Denn es wird auch immer neue Generationen von Historikern geben, die sich – so hoffe ich – trotz der Konservativität das Faches an sich – den neuen Zeiten und Gegebenheiten stellen. Zumal es bei einem Blick über den Tellerrand immer wieder auffällt, daß die Berührungsängste mit dem „Laien“ in vielen anderen Ländern und Lehrkulturen in keiner Weise so problematisch ist, wie im deutschsprachigen Raum. Ich hoffe da wirklich auf euch – und auch auf ein hoffentlich bald beginnendes Umdenken bei den „Finanziers“ der Forschungen. Es gibt heute schon Teile der Biowissenschaften, die nur noch dann Artikel für ihre wissenschaftlichen Zeitschriften annehmen, wenn zugleich eine parallele populäre Erkenntnisvermittlung vorgenommen wird (ich kenne es ganz speziell von Artikel, die für die englischsprachige Wikipedia geschrieben werden müssen!).

    Ein Historiker in den USA kann es sich kaum leisten, Bücher zu schreiben die sich nur an seinen engen Fachkreis wenden. Der angloamerikanische Wissenschaftskreis kennt beispielsweise das System von Druckkosten kaum. Hier ist der Buchmarkt so groß, daß Schriften sich selbst tragen können – und auch müssen. Das geht aber nicht, wenn sie wie in etwa Deutschland nur für ein maximal ein paar hundert Personen umfassenden Personenkreis geschrieben werden. Ich meine, Maren Lorenz hat Unrecht – nicht die Deutungshoheit wurde seitens der Geschichtswissenschaften verloren – sondern der Anschluß an internationales Standards. Das ist das eigentlich fatale. Lieber köchelt man hier weiter das eigene Süppchen und sich selbst im eigenen Saft. Am Ende schadet das wohl aber den Erkenntnissen am Meisten. Wenn sich, wie es immer wieder gesagt wird, die Geisteswissenschaften ein einem schon fast fatalen Erklärungsnotstand befinden, muß man eben mit den Erklärungen beginnen. Und zwar den Menschen gegenüber, die all das finanzieren. Sie haben Anspruch und Recht darauf. Wie soll man den den Stammtisch (oder heute das Internet) „erobern“, wenn man keine Alternativen bietet? Nase rümpfen hat noch nie voran gebracht.

  2. mgruentgens

    Eva Pfanzelter schrieb unter ‚die Redaktion‘:
    „Zur gegenseitigen Wahrnehmung möchte ich Ihnen unsere 2008 gegründete online-Zeitschrift „http://historia.scribere.at“ nahelegen. In nunmehr vierter Ausgabe publizieren wir Arbeiten von unseren Studierenden hier an der Universität Innsbruck.

    Im Übrigen gratuliere ich für den gelungenen kritischen Kommentar zur .hist2011 – auch wenn Sie mich wohl etwas missverstanden haben dürften, was meinen Versuch angeht, Droysen auf digitale Information anzuwenden – ich würde im Gegenteil Ihre Aussage unterstreichen, dass wir mit Droysen nicht mehr auskommen werden.

    Eva Pfanzelter“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s